Der Widerspenstigen Zähmung – oder doch nicht?

Der Widerspenstigen Zähmung – oder doch nicht?

Der Widerspenstigen Zähmung – oder doch nicht?

Fast alle kleinen Kinder sind von Natur aus fröhlich und haben keine Hemmungen, dem was sie erleben und ihren Gefühlen lauthals Ausdruck zu verleihen. Sie stehen morgens gern auf, freuen sich auf den Tag und entdecken mit leuchtenden Augen die Welt. Selbstzweifel oder Zukunftsängste kommen in Ihrer Welt nicht vor.

Wie kommt es, dass wir spätestens als junge Erwachsene oft verunsichert sind, nicht wissen, wie es in unserem Leben weitergehen soll und welchen Beruf wir wählen möchten, es schwer haben, wenn wir unsere Stärken und Qualitäten nennen sollen – aber mit Leichtigkeit eine Litanei an Schwächen, Fehlern und Verbesserungspotential in uns herunterbeten können. Wieso vertrauen wir auf einmal nur noch einigen wenigen Menschen und sind allen anderen gegenüber mehr oder weniger distanziert?

Was ist uns wichtig, während wir Kinder ins Erwachsenenalter begleiten?

Wenn zum Beispiel ein Kind mit drei Jahren bei einer U-Untersuchung bestimmte Aufgaben wie „Baue aus diesen Klötzen eine Schlange!“ oder „Hüpf von dieser Treppenstufe!“ nicht sofort folgsam und korrekt umsetzt, hat es ein Defizit.

Ob das Kind sich vielleicht weigert, weil es keinen Sinn in dieser Forderung sieht und merkt, dass derjenige, der es dazu auffordert, überhaupt kein wirkliches Interesse an ihm hat, wird selten gestellt. Das Defizit hingegen wird sofort ganz offiziell vermerkt und dieses gilt es nun künftig zu bearbeiten und auszumerzen.

Unser nahezu komplettes Erziehungs- und Bildungssystem ist auf das Erkennen, Vermeiden und Beseitigen von Defiziten ausgerichtet.

Defizite werden zum Kernpunkt des Lebens eines Kindes und es lernt, dass wo immer es nicht das tut oder schafft, was von ihm erwartet wird, ein Defizit vorliegt. Dieses Defizit hat dann Unverständnis, Druck, Liebesentzug, und manch anderes mehr zur Folge.

Wie in Shakespeares „der widerspenstigen Zähmung“ versuchen wir uns und andere kontinuierlich dem, was gesellschaftlich als „gut und richtig“ gilt, zu unterwerfen.

Wie tief und komplex wir dabei in Defiziten denken und uns und andere ständig auf potentielle Defizite scannen, wird an folgendem Beispiel deutlich:

Zu sagen „Du machst etwas falsch!“, oder „Das war nicht genug!“ ist ein offensichtlicher Blick auf ein Defizit, aber auch bei vermeintlich liebevoll-motivierenden Aussagen wie „Wenn Du Dich anstrengst, wirst Du auch hier noch besser!“, oder „Du musst einfach mehr üben, dann schaffst Du das ganz sicher!“ liegt der Blick auf dem Defizit und dem zu erreichenden Ergebnis. Selbst wenn wir meinen zu motivieren, betonen wir oft einfach nur Defizite.

Wenn wir uns nicht hätten dressieren lassen und nicht gelernt hätten, unsere Wahrnehmung permanent zu unterdrücken und brav zu tun, was man von uns vermeintlich erwartet, müssten wir eigentlich alle permanent durchdrehen, weil die Art und Weise, wie wir als Menschheit miteinander leben, nicht unserer Natur entspricht.

Wie wäre es, bei der Erziehung unserer Kinder statt vor Defiziten Angst zu haben, vor allem den Fokus darauf zu legen, die natürlichen und ohnehin vorhandenen Qualitäten wie Freude, Leichtigkeit, Offenheit, bedingungslose Liebe und Ehrlichkeit zu bestätigen und zu fördern?

Der Startschuss dafür könnte sein, selbst alles Gelernte und unsere sogenannten Normen und den Erwachsenen-Anstand innerlich einfach mal testweise über Bord zu werfen.

Alles, was als kleine Kinder so normal für uns war, lebt nämlich noch immer in jedem von uns und ist quasi nur gut verpackt auf dem Dachboden eingelagert und in Vergessenheit geraten.

Wir müssen also genau genommen nicht einmal etwas für uns Neues lernen, sondern es nur „vom Dachboden“ holen und wieder auspacken, abstauben und gängig machen.

Die Freude, Offenheit, Liebe und Leichtigkeit, die durch das Wiederentdecken dieser ganz natürlichen Eigenschaften in unserem Leben Raum bekommt, hat eine enorme Tragweite und ermöglicht es unseren Kindern, genauso auf sich zu schauen, weil wir ihnen dann vorleben, dass es möglich ist, sich selbst zu lieben und das Leben mit Freude an der Fülle anzuschauen.

Wo vorher nur Druck und Angst zur vermeintlichen Zähmung der Widerspenstigen führten, kann Entwicklung nun von ganz alleine stattfinden, denn nichts motiviert mehr, als gesehen, angenommen und geliebt zu sein.

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ErziehungKinder

  • Von Michael Kremer