Urlaub vom Alltag

Relaxen.

Endlich Zeit für mich.

Den Alltag hinter mir lassen.

Wann ist es endlich wieder soweit?

Für mich war der nächste Urlaub immer ein Fixstern am Horizont, ein Rettungsring, mit dem ich mich irgendwie über Wasser hielt in meinem Alltag – dachte ich zumindest.

In den Urlaub mussten dann all die schönen Dinge passen, die im Alltag keinen Platz fanden und sei es nur einfach mal tagelang auf der faulen Haut zu liegen und es sich gut gehen zu lassen.

Am Ende des Urlaubs hätte ich Stein und Bein geschworen, dass ich nun erholt und zufrieden sei – war es aber nie wirklich. Denn wäre ich wirklich zufrieden gewesen, hätte ich nicht eine Liste von To Dos und Wunschträumen mit aus dem Urlaub in den Alltag geschleppt und diese dann sofort blitzartig noch erweitert und mir umgehend mehr Zeit, sprich mehr Urlaub, gewünscht.

Wäre ich wirklich so erholt gewesen wie ich mir einredete, dann wäre nicht nach dem Aufräumen meiner E-Mail-Inbox im Büro, seufzend oder genervt, mein erster Satz gewesen: „Och, eigentlich könnte ich schon wieder Urlaub gebrauchen“.

Urlaub war für mich in dieser Zeit ein Fluchtpunkt aus dem Alltag. Etwas nach dem ich mich sehnen und auf das ich hinarbeiten konnte. Von heute aus betrachtet, war Urlaub das Ziel am Ende eines Count-Downs, der endlich wieder eine Pause näherbringen würde, in der ich nicht mehr so doll spüren würde, dass ich eigentlich zutiefst unzufrieden mit mir und meinem Alltag war.

Es fühlte sich irgendwie bequemer an, auf etwas in der Zukunft hin zu leben oder hin zu träumen, anstatt mich mit meinem Leben in der Gegenwart wirklich auseinander zu setzen.

Ich habe in verschiedenen Berufen und völlig unterschiedlichen Branchen gearbeitet, hatte aber immer wieder die gleichen Probleme: ich riss z.B. diverse Aufgaben an mich, erledigte sie mit Bravour und fühlte mich anschließend nicht genug wertgeschätzt oder ausgenutzt, weil ich ja in Arbeit unterging.

Als ich dann an einem von Universal Medicine angebotenen Körpertherapie-Kurs teilnahm, traf ich plötzlich auf die Ansicht, dass der einzige, der in meinem Leben etwas verändern kann, ich selbst bin.

Es brauchte einen Moment des Verdauens, aber dann gelang es mir, zum ersten Mal so ehrlich zu werden, dass ich sehen konnte, dass das stimmt und dass ich mir meinen Frust sehr sorgfältig in jedem Job neu kreierte, sei es durch das An-mich-raffen von Verantwortung und dem bereits oben beschriebenen Folgen davon. Ich habe mich auf diese Weise dem, was ich machte, nie zu 100% widmen müssen, denn weniger reichte für oberflächlich einwandfreie Arbeitsergebnisse und exzellente Arbeitszeugnisse. Innerlich war ich aber schlichtweg nie ganz anwesend bei der Arbeit, träumte von Freizeit und Urlaub und wollte lieber woanders sein.

Je mehr ich anfing, mein Leben und mich Stück für Stück ehrlicher anzuschauen, umso mehr änderte sich meine Einstellung zum Thema Urlaub – vor allem aber meine Zufriedenheit im Alltag.

Ich verstand, dass Zufriedenheit nicht etwas ist, auf das man warten und hoffen kann und das dann in der entsprechenden Situation mit einem Paukenschlag eintritt, sondern, dass sie in jedem kleinen Detail des Alltags beginnt.

Beispiel:

Wie soll ich abends zufrieden und freudig nach Hause kommen, wenn ich den ganzen Tag im Büro drüber hinweg gegangen bin,

  • dass ich eigentlich unbequem gesessen habe – und mir den ganzen Tag der Rücken weh tat, ich aber zu faul war, meinen Bürostuhl anders einzustellen,

  • dass ich diverse Dinge nicht ausgesprochen habe - weil sie ja scheinbar nicht so wichtig waren, obwohl sie mich den ganzen Tag innerlich beschäftigt haben,

  • dass ich erst zur Toilette gegangen bin, als endlich Zeit dafür war, obwohl meine Blase schon seit 2 Stunden spannte

  • und dass ich aufgrund all dieser Dinge gedanklich so sehr beschäftigt war, dass es mir gar nicht möglich war, voll für Kollegen und Kunden da und ansprechbar zu sein, geschweige denn wirklich effizient zu arbeiten - und so garantiert etwas liegen blieb, das mir Frust bis in den nächsten Tag sicherte.

Hausgemachter Stress.

Ich musste mir an der Stelle eingestehen, wie sehr mein Verhalten während der Arbeit mein Privatleben beeinflusst und umgekehrt. Privatleben und Arbeit sind ein ineinander verzahntes Uhrwerk.

Stück für Stück habe ich dann angefangen, mein Leben ehrlicher anzuschauen und meinen Alltag von den kleinen Details aus anders zu leben. Ein völlig anderes Leben zu führen geht nicht mit einem Fingerschnipp, sofort zur Toilette zu gehen sobald ich muss, ist deutlich leichter. Aber selbst für diese vermeintlichen Banalitäten brauchte es am Anfang viel Aufmerksamkeit und Willen, da meine alt-eingefahrenen Muster ständig einladend neben mir standen.

Ein Ergebnis dieses Prozesses ist, dass ich heute Urlaub wirklich genießen kann, weil er keine Lücken aus dem Alltag mehr füllen oder leere Batterien aufladen muss.

Zeit für Gespräche mit meinem Mann, gemeinsame Zeit mit unserem Pflegesohn, ausgedehnte Spaziergänge, die Gelegenheit, inne zu halten, zu schauen, was los war und was als nächstes ansteht - all das ist jetzt Teil meines Alltags und muss nicht erst auf den Urlaub warten. Es ist so viel leichter, die Dinge anzugehen, wenn sie auftauchen und zum Beispiel den Ablagestapel nicht erst einen halben Meter hoch werden zu lassen und über Monate immer wieder mit viel Zeitaufwand und Nervenkitzel etwas darin zu suchen, sondern alles zeitnah abzuheften und es so mit einem Griff gleich zur Hand zu haben.

Mich und alle anderen um mich herum wichtig genug zu nehmen, um dem, was wirklich wichtig ist, gleich die Priorität zu geben, die es braucht, war in diesem Zuge ein weiterer Lernschritt. Für mich bedeutete dies vor allem zu lernen, dass ich nur in dem Maße für andere da sein kann, indem ich mich auch um mich selbst kümmere. Denn wie will ich jemandem glaubhaft vermitteln, sich mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu geben, wenn ich abgehetzt und überfordert vor ihm stehe? Konkret hieß das zum Beispiel morgens nicht einfach gedankenlos durchs Bad zu rauschen und irgendwie präsentabel am Frühstückstisch anzukommen, sondern mir Zeit zu nehmen und täglich neu zu entscheiden, ob bspw. ein Bad oder die Dusche das Richtige für diesen Morgen ist und welche Kleidung für diesen Tag, meine Stimmung und die Anforderungen, die der Tag an mich stellen wird, die passende ist. So verliefen meine Tage mehr und mehr nicht mehr immer gleich nach Schema F, sondern ich bekam ein immer feineres Gefühl dafür, was am jeweiligen Tag wirklich wichtig ist und meine Aufmerksamkeit braucht. Raum hierfür entstand faszinierenderweise quasi nebenbei.

Einerseits daraus, dass ich vieles gleich angehe und so viele Dinge, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich, sich erst gar nicht zu einem zeitintensiven Problem aufbauschen können. Andererseits ist für mich immer noch erstaunlich, wie viel Zeit meine Träumereien und Gedanken an die Zukunft in meinem Alltag früher in Anspruch genommen haben und wie sehr ich es geschafft hatte, das völlig zu ignorieren, weil ich mich damit nicht auseinandersetzen wollte. Es kam mir immer so vor, als hätte ich für alles viel zu wenig Zeit, während ich in Wahrheit mit endlosen Gedankenschleifen, die zu nichts außer Frust führten, Stunden um Stunden füllte, die mir heute für andere Dinge zu Verfügung stehen.


Mein Gespür dafür, was jetzt in jedem Moment wirklich dran ist, hat sich hierbei am deutlichsten verändert. So kann ich anders Prioritäten setzen und es gibt mittlerweile in der Regel sogar mehr als genug Raum für alles.


Wenn es heute eng wird, schaue ich zuallererst nach, wo ich vorher wohl nicht genau genug hingeschaut haben könnte, und was ich daraus lernen kann, anstatt auf irgendjemanden oder irgendetwas, das mich vermeintlich einengt, wütend zu werden.


Ganz andere Menschen erleben und Sonne & Wärme genießen, Zeit zum Besprechen langfristiger Pläne zu haben, ... von außen betrachtet ist vieles beim Urlaub machen gleichgeblieben – und doch hat sich etwas ganz Entscheidendes verändert:


Der Urlaub ist nicht mehr der Fixstern am Horizont oder der Rettungsring, um nicht zu ertrinken, weil meine Energiereserven permanent gen Null gehen.


Heute bildet mein Alltag die Basis dafür, im Urlaub ein neues Fundament zu legen und von dort mit einer zusätzlichen Batterie und mehr Power wieder in den Alltag zu starten.

Gelistet unter

ProduktivitätÜberforderungVerantwortungWork-Life-Balance

  • Von Michael Kremer

  • Foto: Dean Whitling, Brisbane based photographer and videographer of 12 years.