Dem Leben mit Liebe begegnen

Wir sind immer vernetzter. E-Mails, Facebook, Instagram und Co. sind nahezu immer abrufbar, egal wo wir uns gerade aufhalten. Man weiß scheinbar alles voneinander und doch irgendwie nichts, da die Welt der Online-Profile das perfektioniert, was auch im physischen Miteinander dominiert: wir versuchen, einen möglichst guten Eindruck zu hinterlassen und alles richtig zu machen. Man könnte sagen, dass wer sich am besten verkauft, am meisten Erfolg hat – und Erfolg verspricht Sicherheit.

Doch wie sicher ist das wirklich?

Je mehr ich mich darauf fixiere, beispielsweise auf Instagram viele Follower und Likes zu bekommen, umso mehr fange ich an, Dinge zu tun, einzig weil ich weiß, dass sie anderen gefallen bzw. am Puls der Zeit sind. Ich fange an, meine Selbstdarstellung und mein Leben danach auszurichten, was die Welt vermeintlich von mir sehen möchte. Und auch im Büro oder Homeoffice sorge ich ganz gezielt dafür, dass die anderen ein bestimmtes Bild von mir haben. Über manches rede ich, anderes verstecke ich, aus Angst, als seltsam oder unperfekt wahrgenommen zu werden.

Wir leben in einer Zeit, in der die Erreichbarkeit auf so vielen Kanälen wie noch nie zuvor möglich ist und werden doch immer einsamer und erschöpfter, weil es immer mehr Fronten gibt, an denen es eine heile Fassade aufrecht zu erhalten gilt.

Die Fassaden scheinen wie ein Schutzwall, hinter dem wir sicherer sind, doch in Wahrheit sind sie eine Mauer. Wenn ich anfange, mich an dem, was die Welt vermeintlich möchte auszurichten und mich für Anerkennung zu verbiegen, baue ich quasi eine Burgmauer mit Schießscharten zwischen mir und der Welt auf. Ich kann durch die kleinen Schießscharten die eigentliche Weite der Welt nur noch erahnen und niemand kann von außen mehr wirklich an mich heran, und man sieht bestenfalls noch meine Augen, die etwas ängstlich und unsicher durch die Schießscharten gucken – vermeintlich sicher, aber eigentlich traurig, dass ich aus meinem selbstgebauten Gefängnis nicht herauskomme.

Das verrückte daran ist, dass jeder von uns auf einer ganz tiefen Ebene spürt, dass wir ein Spiel miteinander spielen. Es mag dicke Schichten von Verletzungen und negativen Erfahrungen geben, die uns das nicht mehr bewusst wahrnehmen lassen, aber wenn wir ganz ehrlich werden, möchten wir alle das gleiche, einfach nur liebgehabt werden – und zwar bedingungslos.

Kindergarten, Schule, Beruf und soziales Miteinander haben uns mehr als oft genug spüren lassen, was wir alles nicht können, besser könnten und erreichen müssten. Wir sind verletzt und enttäuscht worden.

Doch das, was wirklich weh tut, uns nicht zur Ruhe kommen und ständig nach Anerkennung strampeln lässt ist, dass wir uns selbst nicht bedingungslos lieben, denn darauf baut alles andere auf.

Und mit bedingungslos meine ich bedingungslos: kein „Ach, mein Gesicht ist schön, aber mein Po ist zu flach ...“, kein „ich mache nen coolen Job, aber hätte ich doch nur die Stelle als …“, bedingungslose Liebe und Wertschätzung für das, was wir sind, nicht für das, was wir tun oder wie wir von unserem Umfeld anerkannt werden.

Ein kurzer Augenblick nach innen gerichtet hilft hierbei sehr, wenn ich mich an meine ganz frühe Kindheit zurückerinnere. Hätte ich mir damals Gedanken dazu gemacht, ob ich genug Bauchmuskeln habe, ob das, was ich spielen oder essen möchte richtig ist oder vielleicht meinem Körper oder meiner Karriere schadet? Hätte ich mich stundenlang gefragt, was ich hätte besser machen können? Hätte ich etwas gequält lächelnd getan, was ich eigentlich furchtbar fand, nur um Anerkennung zu bekommen? Wahrscheinlich lautet die Antwort auf mindestens eine Frage nein.

Bevor wir in den Zirkus des Erwachsenenlebens einsteigen und dafür unsere natürliche Wahrnehmung an den Nagel hängen, sind und leben wir einfach. Wir spüren, was mit den Menschen um uns herum los ist, wissen, was wir als nächstes möchten oder brauchen und haben keine Hemmungen, das auch zu kommunizieren. Wenn wir für jemanden Zuneigung empfinden, umarmen wir ihn, egal ob Junge oder Mädchen, arm oder reich. Wenn wir traurig sind, weinen wir. Was uns bewegt, teilen wir mit -ungefiltert - und manchmal für unser Umfeld sehr unbequem. Äußere Unterschiede, Geschlecht, Religion oder soziales Ansehen sind für uns nicht wichtig. Wir sind einfach wir und begegnen einander auf Augenhöhe, ohne, dass uns das überhaupt bewusst wäre, einfach weil es unsere Natur ist.

Das Schöne daran ist, dass egal wie früh wir angefangen haben, uns zu verbiegen, es immer einen Punkt gibt, an den wir anknüpfen können, weil die Erinnerung daran und diese Bewegungen irgendwo in uns verbuddelt lebendig sind.

Sich selbst wieder zu mögen und irgendwann zu lieben ist etwas, das vom Himmel kommt, aber nicht vom Himmel fällt. Es braucht unsere Offenheit dazu, einfach einen Schritt zu wagen und uns auf unser inneres Gefühl, statt auf das, was wir vermeintlich wissen, zu verlassen. Und mit einem „kleinen Schritt“ meine ich wirklich etwas ganz Simples.

Wenn mich z.B. das nächste Mal jemand anblafft und mir querkommt, habe ich alles Recht der Welt zu denken, dass er ein Vollidiot ist, meinen Frust darüber hin und her zu bewegen und Kund zu tun. Ich kann aber auch stoppen, innerlich einen Schritt nach hinten gehen, um einen anderen Blickwinkel zu haben und mich fragen, warum derjenige gerade wohl so komisch reagiert hat und dann vielleicht spüren, dass er einen ätzenden Start in den Tag, Streit zu Hause, oder was auch immer hatte. Sobald ich mich auf diesen innerlichen Stopp-Moment einlasse, bin ich nicht mehr die hilflose Zielscheibe. Ich merke plötzlich, dass nicht alles, was ich als unangenehm und unfair empfinde, ein persönlicher auf mich gemünzter Angriff ist, sondern das meiste einfach nur die Folge einer Kultur ist, in der wir alle uns mächtig unter Druck setzen, perfekt sein zu müssen.

Ich fange mit diesem kleinen Moment buchstäblich an, die Welt zu verändern. Dieser kleine Moment, in dem ich stoppe, anstatt sofort zu (re)agieren, durchbricht den gesamten Kreislauf und dreht ihn geradezu um. Ich bin auf einmal nicht mehr das hilflose Opfer meines Lebens, sondern habe meine Handlungsfähigkeit zurückerobert und strahle das für alle sicht- und greifbar aus.

Mein Umfeld kann ich nicht ändern, aber sehr wohl meinen Umgang mit ihm – und vor allem meinen Umgang mit mir selbst.

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AkzeptanzKommunikationSelbstliebeWertschätzung

  • Von Michael Kremer

  • Foto: Iris Pohl, Photographer and Videographer