Hilfe, mein Kind weint! Und jetzt?

Zeit zum Schlafen, Kind hat Bauchweh, weint und ist bockig.

HILFE!

Schnelle Lösung

Medikament gegen Blähungen, irgendetwas erlauben, was sonst verboten ist, wie zum Beispiel am iPad daddeln, hoffen, dass bald Ruhe ist und ich endlich Zeit für mich habe. Lerneffekt für mich: null bis „Wie manipuliere ich mein Kind am schnellsten?“ Lerneffekt für mein Kind: Wenn es mir nicht gut geht, stimmt etwas nicht mit mir. Ich bin falsch/lästig. Papa nimmt mich nicht ernst. Schmerzen und Bockigkeit sind praktisch, um das zu bekommen, was ich will! Gemeinsamer Lerneffekt: Wer manipuliert wen am besten?

Alternative 1

Panische Suche nach der Lösung des Problems. Mein Kind soll nicht leiden. Ich muss etwas tun. Ich muss eine Lösung finden. Oh Gott, wann ist das nur endlich vorbei. Mein armes Kind!! Lerneffekt für mich: Null – oder höchstens: Wie viel Panik und Hektik hält mein Körper bis zum Herzinfarkt aus? Lerneffekt für mein Kind: Wenn es mir nicht gut geht, dreht Papa am Rad. Wie kann ich verstecken, dass es mir nicht gut geht, damit Papa nicht so panisch wird? Oder: Wie kann ich beim nächsten Mal, wenn ich etwas möchte nutzen, dass es mir vermeintlich nicht gut geht, um zu bekommen, was ich will? Gemeinsamer Lerneffekt: Wer manipuliert wen am besten?

Alternative 2

Stoppen! … und schauen, was hier eigentlich los ist. Was war los im Tag, das nun in Bauchschmerzen mündet? Denn selbst, wenn man vermeintlich nur „das Falsche“ gegessen hat, gab es ja irgendetwas, was einen genau dazu gebracht hat.

Während des inneren Stopps dafür sorgen, dass mein Kind und ich physisch das haben, was wir gerade wirklich brauchen – und das können durchaus die Tropfen gegen Blähungen sein, aber vor allem den Fokus auf das nicht so Offensichtliche legen, also schauen, was tatsächlich zu dem Endresultat ‘Bauchschmerzen‘ geführt und beigetragen hat. Das können Erlebnisse, Reaktionen, Emotionen, lieblose Gewohnheiten oder Verhaltensweisen und vieles andere gewesen sein, in jedem Fall wird es sich aber um etwas Disharmonisches handeln, mit dessen Folgen wir nun umgehen müssen.

Und wenn ich in diesem Moment nichts anders haben, nichts sofort lösen, niemanden retten oder selbst flüchten möchte, werde ich ganz genau spüren können, was wirklich los und nun gebraucht ist und kann den anderen da abholen, wo er gerade wirklich steht. Statt einem mehr oder minder unterschwelligem Vorwurf oder einem latenten Genervtsein haben in dem Fall Verständnis und Liebe Raum. Es entsteht Raum, miteinander den Knoten zu entwirren und vielleicht unterwegs noch diverse andere Knoten zu entknoten, die man gar nicht auf dem Schirm hatte.

Lerneffekt für mich: Während ich mich um mein Kind kümmere, merke ich vielleicht, dass ich das, was bei ihm zu Bauchschmerzen führt, in meinem Alltag eigentlich genauso mache und ihm quasi vorlebe.

Es sieht bei mir nur hübscher aus oder ist unsichtbarer. Sprich, ein paar Gläser Rotwein kultiviert zu genießen, um meine Anspannung oder tiefe innere Unsicherheit nicht zu spüren, ist deutlich anerkannter, als sich den Bauch bis zum Platzen mit Süßkram vollzustopfen. Das innere Gefühl von Spannung, Leere und Unruhe, dass wir beide auszustopfen versuchen, ist aber genau das gleiche. Mit dieser Erkenntnis kann ich Dinge in meinem Leben anschauen, sie anders machen und auf diese Weise meinem Kind vorleben, welches sie dann als etwas Normales und Selbstverständliches kennenlernt. Etwas vorzuleben hat weit mehr Kraft und Wirkung, als jede Regel oder noch so raffinierte Erklärung je haben könnte.

Lerneffekt für mein Kind: Papa nimmt mich ernst. Es ist ok, wenn etwas nicht rund läuft und man kann gemeinsam schauen, warum etwas hakt. Ich muss nichts alleine lösen, genauso wie Papa nichts alleine lösen muss. Ich sehe bei Papa, wie ich Dinge anders machen kann. Papa ist genau wie ich, sprich nicht mehr oder weniger als ich und lernt auch ständig dazu.

Erziehung auf Augenhöhe heißt nicht, sich die Welt schön zu lügen, sich gegenseitig zu manipulieren oder sich auf der Nase herumtanzen zu lassen, sondern zu wissen, dass unsere Körper unterschiedlich groß und alt sein mögen, aber wir in unserer Essenz gleich sind und nahezu alles, was man leben und erleben kann, seit Jahrtausenden schon zigmal durchexerziert haben.

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  • Von Michael Kremer

  • Foto: Iris Pohl, Photographer and Videographer