Einsam hinter selbsterrichteten Mauern

Zur Biografie von Judith Andras

Einsam hinter selbsterrichteten Mauern

Meine Kindheit war relativ unbeschwert und wohl behütet, ich war ein sehr kommunikatives Kind und hatte wenig Zurückhaltung in Bezug auf meine Gefühle und Emotionen und drückte mich sehr frei aus. Irgendwann mit 11 oder 12 Jahren änderte sich jedoch etwas in meinem Leben, ich konnte es zu dem damaligen Zeitpunkt nicht benennen oder greifen, aber ich spürte in mir ‚plötzlich’ eine Leere, die ich so vorher nicht kannte. Obwohl ich mit vielen Geschwistern in einer, von außen betrachtet, scheinbar intakten Familie lebte, fing ich an, mich einsam zu fühlen. Ich vermisste etwas in mir, wofür ich keine Worte fand und was ich auch nicht wirklich mit jemandem besprechen wollte.

Ich zog mich in mich selbst zurück und baute eine Art emotionale Schutzmauer um mich herum auf, hinter der ich mich verschanzte. Aber gleichzeitig sehnte ich mich auch danach, dass mich jemand dahinter entdecken und hervorlocken würde.

Dieser ‚Jemand’, den ich mir erträumte, war meistens ein Märchenprinz in Form eines Kino-Stars oder ein selbsterfundener Retter männlichen Geschlechts, der wie im Falle Dornröschen, Rapunzel, Aschenputtel und Co. alles daran setzte, mich aus meinem Elend zu befreien. Oder es war jemand, der mich entdecken und zum Star machen würde, denn irgendwie hatte ich das Gefühl, einzigartig zu sein und dass ich der Welt mehr zu bieten hatte, als ich lebte. Ich wartete definitiv auf eine Erlösung, die durch ein außerhalb von mir stattfindendes Ereignis zu der Befreiung aus meiner Isolation führen würde. Es tat sich aber nichts, zumindest nichts, was meiner Vorstellung entsprach und so schmollte ich weiter und gab mich immer mehr auf.

Nachdem ich die Schule beendet hatte, bekam ich einen Studienplatz bei der Universität Münster, um Kunst auf Lehramt zu studieren. Meine Motivation, das Leben als Studentin zu beginnen, lag bei null, ich hatte schon aufgegeben, bevor ich überhaupt begonnen hatte und habe dann auf dem Rückweg entschieden, nicht zur Uni zu gehen, sondern stattdessen zu jobben, um nach Indien zu reisen und der Welt zu entfliehen. Daraus wurde eine 10-jährige Episode, in der ich immer mehr aus der Gesellschaft ausstieg, indem ich versuchte, in kürzester Zeit viel Geld zu verdienen, um dann wieder nach Indien zu reisen. 1999 wanderte ich dann aus, nach Australien in ein kleines Touristendorf.

Damit verbrachte ich also meine 20iger. Immer fühlte ich diesen nagenden Zweifel, diese Leere und Isolation, trotz der vielen Freunde und der vielen exotischen Plätze, die ich bereiste, um mich abzulenken. Der Zustand schien sich eher zu verschlechtern als zu verbessern.

Anfang 30 existierte ich am Rande der Gesellschaft - ich ließ mich einfach treiben und lebte nahe der endlos weißen Strände Australiens mit 9 Monaten Sommer im Jahr und genoss ein stressfreies Leben. Das Bild war perfekt, ich hatte all das, wovon andere nur träumen.

Aber warum fühlte ich mich ausgebrannt, unzufrieden und leer? Ohne Sinn oder Aufgabe im Leben, ständig auf der Suche nach etwas. Sei es das nächste aufregende Ereignis, einem neuen Mann in meinem Leben zu begegnen, der nächsten Party, Drogen, dem Yoga-Kurs, Pilates, Gurus... es war ein Kreislauf, aus dem ich aussteigen wollte, ohne dass ich die Entscheidungen tatsächlich getroffen hätte, es auch zu tun.

Heute bin ich wieder in Deutschland, arbeite in Vollzeit, bin verheiratet und engagiere mich im gesundheitlichen Bereich. Ich gehe mehr auf Menschen zu und bin offener in meiner Kommunikation, dadurch habe ich viele tiefe und ehrliche Begegnungen. In erster Linie aber habe ich die Verbindung zu mir selbst vertieft, ich bin mir meiner selbst mehr bewusst, achte und würdige mich und meine Gefühle mehr und stelle mich nicht ständig in Frage oder erniedrige mich nicht in irgendeiner Weise vor mir selbst und anderen. All dies erfüllt mich zu einem Grad, dass ich das Gefühl von Isolation und Leere, welches ich so lange gekannt habe, nur noch sehr selten in mir antreffe.

Was ist passiert?

In meinen drei Jahren in Australien habe ich Universal Medicine und The Way of The Livingness und ihren Gründer Serge Benhayon kennen gelernt und mir wurde eine Lebensart gezeigt und vorgelebt, die mich bis heute inspiriert.

Es ist eine einfache Art zu leben, mit dem Fokus auf dem Körper und allem, was uns darin unterstützt, wieder zu unserer Ganzheit zurück zu kehren. Jeder Lebensbereich wird dabei betrachtet und das Leben als ein nahtloses Ganzes gesehen, Schlaf, Ernährung, Bewegung, Arbeit, Beziehung, Familie und die Qualität und Art und Weise der Kommunikation untereinander. Aber auch unsere Beziehung zu Gott und zu den nicht sicht- oder greifbaren Elementen unserer menschlichen Existenz.

Von emotionaler Achterbahn zu Beständigkeit und Liebe

Bis zu meinem 32igsten Lebensjahr war mein Leben geprägt von Emotionen und Drama. Ich hatte sechs Beziehungen in dieser Zeit und zwischendrin Affären, immer auf der Suche nach meinem Märchenprinzen, nach Mr. Right, nach dem Mann, der meine „bessere Hälfte“ sein sollte, der mich vervollständigen würde.

Alle diese Männer waren „gute“ Männer, sie waren bemüht, mir die Welt zu Füßen zu legen, aber sie waren natürlich nicht in der Lage, meine innere Leere zu füllen und mir das zu geben, wonach ich mich sehnte, wonach ich suchte und strebte. Also gab es immer etwas, das nicht „richtig“ war, etwas worüber man sich uneinig sein musste oder streiten konnte, und das Gras schien immer grüner auf der anderen Seite des Zauns.

Wenn ich heute zurückblicke, dann war mein Verhalten diesen Männern gegenüber sehr unfair, denn ich habe etwas von ihnen verlangt, was sie mir nicht geben konnten: ein Gefühl von Selbstwert, eine innere Zufriedenheit, etwas, das mich erfüllen würde und das ich, wie ich in den letzten 10 Jahren gelernt habe, mir nur selbst geben kann.

Durch meine Begegnung mit Serge Benhayon wurde mir etwas Anderes reflektiert. Er lebte auf eine Art und Weise, die mir zwar irgendwie bekannt war, aber weit von dem entfernt, was ich selbst und andere um mich herum lebten. Es schien auf den ersten Blick nicht wirklich so anders zu sein, aber über die Jahre wurde der Unterschied immer deutlicher.

Serge Benhayon hat mir damals und über die Jahre immer wieder eines deutlich gemacht, dass ich das, was ich suche - nämlich Liebe - nicht im Außen finden kann, sondern in meinem eigenen Inneren Herzen.

Es war nicht so einfach, aus meinem Drama auszusteigen, ich war, was man einen Emotions-Junkie nennen kann, Emotionen hatten mein Leben farbig und lebendig gemacht, sie hatten mich definiert, ich identifizierte mich damit. Aber ich fing an zu erkennen, dass mich die Emotionen auslaugten, dass ich mich in einem Erschöpfungszustand befand und keine Kraft mehr hatte weiterzumachen. Ich wollte etwas ändern.

Da Beziehungen essentiell für meine „Sucht“ waren, traf ich damals die Entscheidung, eine zeitlang Single zu bleiben und statt im Außen den „richtigen“ Mann zu suchen, nach innen zu horchen und mich selbst zu suchen und wieder zu finden.

Statt weiter auf den Märchenprinzen oder Erlöser zu warten, gab ich mir nun selbst die Handlungsfreiheit, mich aus meiner Einsamkeit und Isolation zu befreien und wieder auf Menschen zu zu gehen. Der erste Schritt dabei war, mit mir selbst wieder ins Reine zu kommen. Ich begann damit, meinem Körper, meinen Gefühlen und meiner Sensitivität mehr Aufmerksamkeit zu schenken und diese zu würdigen. Was mir dabei half war, vor allem präsent mit mir zu sein und mich immer wieder an der gefühlten Qualität zu orientieren, die ich mehr und mehr in meinem Inneren wahrnehmen konnte.

Die harsche Selbstkritik und Herabwürdigung meiner selbst nahm dadurch ab, und ich konnte mich selbst mehr annehmen und lieben. Dies legte auch die Basis, um mich im Umgang mit anderen Menschen wieder wohl fühlen zu können. Der Prozess war graduell und mein Leben änderte sich Schritt für Schritt, fast unbemerkt, zu mehr Vitalität, mehr Freude, mehr Lebenssinn.

Je mehr ich die Lebensweise des The Way of The Livingness in meinem eigenen Leben umsetze und tatsächlich selbst lebe, umso mehr fülle ich mich selbst wieder aus und komme in Kontakt mit dem ‚Star’ in mir. Dieser Platz, wo ich immer fühlen konnte, dass ich so viel größer, schöner und kraftvoller bin, als was ich lebte, in der Erwartung, dass mich jemand ‚entdecken’ würde.

Und so habe ich mich selbst ‚entdeckt’ und zum ‚Star’ gemacht.

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  • Von Judith Andras, Heilpraktikerin

  • Foto: Steffi Henn