Was ist Männlichkeit?

Muskeln, Bart, ein bestimmter Chromosomensatz, Ernährer, Beschützer, Held, Liebhaber,... wann ist Mann ein Mann und worüber definieren wir uns in unserer Männlichkeit eigentlich?

Aufgewachsen bin ich mit der Wahrnehmung: Männer verdienen Geld, zeugen Kinder/Söhne, trinken Bier, träumen von einem Porsche, wollen 24 Stunden am Tag Sex, spielen Fußball, sind laut und oft eher grob – Männer, die anders sind, erfüllen ihre Aufgaben nicht und es wird auf sie herabgeschaut.

Früher habe ich mich davon irritieren und verunsichern lassen, weil ich selbst in genau solchem Schubladendenken fest hing, ohne mir darüber im Klaren zu sein. Heute kann ich sagen, dass Anderssein Menschen einfach unglaublich verunsichert, weil es dem Schubladendenken widerspricht, zu dem wir in unserer Gesellschaft erzogen werden und das sich für uns sicher anfühlt: man sieht etwas, nimmt darin bekannte Parameter wahr, kann es einordnen, hat gelernt, wie man damit umzugehen hat, kennt, während man dann handelt, schon in etwa das Ergebnis und fühlt sich daher sicher.

Aber ist man wirklich sicher, oder hat man dadurch nur vermeintlich die Kontrolle über eine Situation und merkt gar nicht, dass man sich eigentlich vollkommen fremd bestimmen lässt und nicht in sich selbst ruht?

In sich selbst zu ruhen bedeutet für mich, nicht mehr darauf angewiesen zu sein, bestimmte Resultate zu erzielen, sondern innerlich ruhend dem Leben zu begegnen, in dem tiefen Wissen, dass weit mehr stattfindet, als ich mit meinen Augen wahrnehmen kann. Wenn ich auf mein inneres Gefühl und inneres Wissen vertraue, bin ich in der Lage, jeder Situation adäquat zu begegnen.

Seit meiner frühesten Kindheit bin ich permanent angeeckt, weil ich nie so richtig in eine Schublade passte: ich fand Spielzeugautos doof und liebte Blumen und Tiere, wollte nicht Fußball spielen, sondern handarbeiten, hatte kein Interesse, mich zu prügeln oder zu betrinken,... und habe dafür, gelinde gesagt, wenig Zuspruch geerntet.

Als ich mich als schwul outete, spürte ich um mich herum einerseits Erleichterung, weil vieles von meinem Verhalten nun für andere in eine Schublade passte und gleichzeitig viel Anspannung, weil es zwar viel Urteil zur Schublade „Schwul“ gab, aber wenig Erfahrung im Umgang mit Homosexualität.

Vor allem aber bekam ich suggeriert, dass nun offensichtlich vorrangig das Label „schwul“ auf meiner Stirn klebte. Ich war nicht mehr Michael für die anderen, sondern erstmal schwul. Einige zogen sich mehr oder weniger zurück, andere wurden verkrampft und versuchten, mir bloß nicht auf die Füße zu treten, sehr wenige behandelten mich einfach genau so wie vorher.

Was bei fast allen klar spürbar war, dass ich nun ganz offiziell definitiv nicht als vollwertiger Mann galt.

Mich machte diese Ablehnung innerlich wütend und ich reagierte meinerseits mit kühlem, ablehnendem Verhalten. Viel später wurde mir bewusst, wie sehr ich selbst mich und alle anderen permanent in alle möglichen Schubladen zu stecken versuchte und mich vor allem selbst nie als Mann wahrnahm, da ich mit dem, worüber Männer auch in mir definiert waren (grob, gefühllos und ohne Tiefgang) nichts zu tun haben wollte.

Die Aussage während eines Universal Medicine Kurses, dass der Kern des Mann-Seins Zartheit ist, stellte mein Verständnis und Erleben von Männlichkeit völlig auf den Kopf. Ich begann zu sehen, wie sehr ich versuchte, genau diese Zartheit in mir zu verstecken, um nicht verletzt zu werden. Ich wollte den Erwartungen, die ich an mich hatte, gerecht werden und verurteilte mich tief in mir dafür, dass ich eben nicht muskelbepackt, dominant und erfolgreich war. Ich hatte also das, was ich behauptete abzulehnen, in Wahrheit selbst übernommen. Der inneren Zartheit, die ich schon als kleines Kind sehr deutlich in mir gespürt hatte, Ausdruck zu geben, hatte sich schon früh als zu unsicher erwiesen und ich hatte mich lieber hinter eine Fassade verschanzt.

Und in Wirklichkeit war es genau diese Fassade, die ich an anderen Männern oft abstoßend fand. Abstoßend, weil sie sich unecht anfühlte und ich darunter oft etwas anderes wahrnahm und mit diesem Zwiespalt fühlte ich mich nicht sicher und reagierte als Schutzreflex mit Verurteilung dieses Verhaltens und dem Wunsch, dass das doch bitte alles anders sein sollte, damit es für mich leichter wäre.

Irgendwann ging mir auf, dass mein nicht-Zeigen meiner Zartheit zum großen Teil daran lag, dass ich dafür nie einem Vorbild begegnet war. Wir lernen als Kinder hauptsächlich durch Beobachten und Nachahmen und ich hatte gelernt: wer als Mann Zartheit zeigt, wird – mehr oder weniger offensichtlich – ausgelacht und herabgewürdigt.

Heute weiß ich, dass das Auslachen und Herabwürdigen zwei Gründe haben kann: entweder spüre ich, dass der andere etwas lebt, was wahr ist und was ich selbst auch gern leben würde, mich aber nicht traue, oder ich spüre, dass der andere sich genauso wie ich versteckt und ich nicht sehen möchte, wie unangenehm sich so ein Verhalten auf alle auswirkt.

Veränderung kann am einfachsten und nachhaltigsten bei mir selbst beginnen, also arbeite ich mittlerweile daran, immer mehr von dem, was in mir ist, nach außen sichtbar zu leben, und mich dabei weniger von Bildern und Erwartungen leiten zu lassen, sondern mehr von einem tiefen inneren Wissen.

Je mehr ich mich selbst liebe, so wie ich bin, und das, was in mir ist, immer ehrlicher und sichtbarer ausdrücke, um so weniger bin ich davon beeinflusst, was Menschen über mich denken, ob sie mich und mein Verhalten ablehnen oder mögen.

Früher hatte ich das Gefühl, Sport und viele andere Dinge in meinem Leben zu hassen, aber in Wahrheit hasste ich mich selbst. Heute gehe ich super gern ins Fitnessstudio, weil ich merke, wie sehr Kraft- und Konditionstraining meinen Körper stärkt, solange ich dabei nicht versuche, über meine Grenzen zu gehen. Früher habe ich versucht, mich so zu kleiden, dass ich bloß nicht anecke. Heute trage ich gerne eine auffällige schwarze Perlenkette doppelt um meinen Hals liegend, knallbunte Jockstraps statt braver schwarzer Boxershorts, meine Hemden sind weit aufgeknöpft statt hochgeschlossen,... nicht um einen Effekt zu erreichen oder zu provozieren, sondern, weil ich das Gefühl habe, dass es Aspekte von mir unterstreicht und damit sichtbarer werden lässt. So morgens aus dem Kleiderschrank das Passende für den Tag auszusuchen, macht Spaß, so wie ich es aus meiner ganz frühen Kindheit kenne – und das Ergebnis fühlt sich einfach super an, sowohl beim Blick in den Spiegel, wie auf der Haut, wie auch innerlich.

Ich passe noch immer in keine klassische Männlichkeitsschublade, und kann nach wie vor nichts mit klassischen Männlichkeitsbildern anfangen und fühle mich gleichzeitig so männlich und attraktiv, wie nie zuvor in meinem Leben. Dies bin ich wohl auch: rein körperlich durch den regelmäßigen Gang ins Fitnessstudio, vor allem aber von innen heraus durch eine innere Ruhe, Lebensfreude und Zufriedenheit mit mir und meinem Leben. Es ist eine völlig andere Hausnummer, als die in der Vergangenheit vor mir her getragene Fassade, hinter der ich versucht habe, mich zu verstecken. Einladend und inspirierend statt kühl und abweisend.

Mann-Sein bedeutet für mich, meine innere Zartheit und Zärtlichkeit zuzulassen und offen zu leben und mich immer freier von Schubladendenken auszudrücken und zu verhalten. Wie viel Kraft dies als Vorbild für andere hat, wird mir jeden Tag mehr und mehr bewusst, nicht zuletzt, wenn ich in die leuchtenden Augen unseres kleinen Pflegesohns schaue.

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  • Von Michael Kremer

  • Foto: Steffi Henn