Die Freiheit, Recht zu haben

Coronazahlen sinken und steigen, 3G, 2G, 2G+, Maskenpflicht und Abstandsregeln, Befürworter und Gegner…

Man kann sich streiten, ob alles was gerade stattfinddet hochgradig sinnvoll oder infam ist, aber alle dürften sich einig sein, dass es aktuell eine deutliche Einschränkung von Freiheit gibt. Es wir räsoniert, argumentiert, es gibt ein Dafür und ein Dagegen, Menschen misstrauen und bekämpfen sich. Es geht darum, Recht zu haben und das Richtige zu tun. Doch was ist das Richtige und wer sagt eigentlich, was richtig ist?

Sobald uns die Argumente von Gesundheits-Schutz, Eindämmung der Pandemie und Todes-Statistiken mal nicht mehr bedrängen, bedarf dies sicherlich noch der politischen Nachbearbeitung.

Doch was hier in der öffentlichen Diskussion sichtbar Wellen schlägt, geschieht auch in unserem individuellen Leben Tag ein, Tag aus.

Wir selbst schränken unsere Freiheit noch viel stärker ein, als es je jemand anderer tun könnte!

Beispiel aus meinem Leben:

Ich bestehe - mal wieder - darauf, dass ich es nicht leiden kann, wenn mein Partner mir auf eine ganz bestimmte Art und Weise mein Verhalten unter die Nase reibt. Wenn ich nach Argumenten suche, um zu bestätigen, dass sein Verhalten in dem Moment falsch ist, finde ich sofort welche und kann untermauern, dass ich Recht habe und er sich falsch verhält. Doch hauptamtlich mauere ich. Ich baue eine Mauer zwischen meinen Partner und mich. Die Verbindung zwischen uns, die unsere Liebe zueinander ausmacht, ist in dem Moment nicht mehr wichtig und existiert gefühlt nicht mehr. Ich habe Recht und Recht zu haben rechtfertigt alle Mittel, um dem Guten und Richtigen Nachdruck zu verleihen.

Doch was habe ich davon, dass ich Recht habe?

  • Mein Verhalten muss ich mir nicht anschauen, denn der andere hat ja Schuld.

Etwas aus der Rückmeldung meines Partners über mich zu lernen ist so nicht möglich.

  • Ich bin auf der sicheren Seite, denn meine Argumente sind hieb- und stichfest und egal, was mein Gegenüber vorbringt, es hat keine Chance, zu mir durchzudringen, weil er ja im Unrecht ist.

Die Verbindung und Intimität miteinander wird mit Füßen getreten, weil ich in dem Moment die Intimität und Nähe zwischen uns als wertlos ansehe gegenüber dem Überlegenheits- und Sicherheitsgefühl, dass mir das Recht Haben gibt.

  • Nach menschlich-weltlichen Maßstäben gibt es nichts, dass man mir vorwerfen könnte. Solide Argumentation, klare Sachlage, klare Rechtslage, der Argumentation ist nicht beizukommen.

Ich habe aus der Situation genau nichts gelernt, die Beziehung zu meinem Partner ist nicht einen Deut tiefer geworden, sondern leidet, mein ganzer Körper fühlt sich, um ehrlich zu sein, hart und leer an. Der Triumph ist eigentlich eine Niederlage.


Und so zeigt sich, dass im Kleinen wie im Großen dieselben Mechanismen am Werk sind, sich dieselben Fragen stellen und also auch die Antworten gar nicht so unterschiedlich sein werden.

Kann es also sein, dass der springende Punkt in der sogenannten Corona-Krise - wie auch in allen anderen Dingen in unserem Alltag - gar nicht ist, wer Recht hat und was richtig ist? Kann es sein, dass wir unsere Freiheit nicht vorrangig von außen entzogen bekommen, sondern von innen längst schon freiwillig aufgegeben haben, weil wir uns hinter Mauern aus Recht haben und richtig sein verschanzen?

Ist uns bewusst, dass keine Reglementierung der Welt unsere innere Haltung und Freiheit beschränken kann, sondern dies allein durch unseren eigenen freien Willen möglich ist?

Freiheit bedeutet für mich, mir dieses freien Willens bewusst zu sein und bescheiden zu werden. Bescheiden und ehrlich, zuallererst bei mir hinzuschauen, was mein Verhalten auslöst und wo ich vermeintlicher Sicherheit und Rechthaberei an der Angel hänge - und dafür meine Seele verkaufe.

„Wann immer du das Gefühl hast, deinen Willen bekommen zu haben, halte inne und frage dich, wie viele Menschen auf dem Weg dorthin verletzt worden sind.“

frei nach Serge Benhayon

Das ist einer der weisesten Sätze, die mir in den letzten Jahren begegnet sind.

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  • Von Michael Kremer

  • Foto: Dean Whitling, Brisbane based photographer and videographer of 12 years.